Seit Ende der 1990er Jahre evaluiert und verfeinert die Forschungsgruppe von Prof. Stephen W. Porges – dem Begründer der “Polyvagaltheorie” – das Musik- & Klang-Protokoll, das sich zum “Safe and Sound Protocol (SSP)” entwickelt hat. Während dieses Zeitraums wurde das SSP-Protokoll u.a. – auch begleitend zu konventionellen Therapien – an mehreren hundert Probanden mit einer Vielzahl von Störungen getestet, einschließlich Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADS/ ADHS, Sprach- / Sprachverzögerungen, auditorischen Überempfindlichkeiten und Verhaltensregulationsstörungen.

Die Ergebnisse dieser Forschung waren sehr positiv, da das spontane soziale Engagement spürbar zugenommen hat, die Geräuschempfindlichkeit abgenommen hat, die Organisation des sozialen Verhaltens und des emotionalen Zustands verbessert und die verbale Kommunikation durch ausdrucksstärkere Stimmen verbessert und spontaner geworden ist. Es wurden auch zwei begutachtete Forschungsarbeiten durchgeführt und veröffentlicht, in denen die Ergebnisse beschrieben werden. In den letzten Jahren wurden außerdem mehrere klinische Studien organisiert, die derzeit auf ClinicalTrials.gov registriert sind. Diese neuen klinischen Studien untersuchen die Intervention bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen, einschließlich Kindern mit Missbrauchsgeschichte, Personen mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten und Kindern mit Prader-Willi-Syndrom. Seit der Veröffentlichung des Safe-Sound-Protokolls (SSP) durch Integrated Listening Systems (iLs) hat das Forscherteam Rückmeldungen erhalten, die mit den positiven Verhaltensänderungen übereinstimmen, welche auch in den Forschungen beobachtet worden sind. Während der 20 Jahre, in denen das SSP getestet worden ist, sind keine schwerwiegenden Nebenwirkungen festgestellt worden.

Das theoretisch durch die Polyvagaltheorie fundierte Klangprotokoll (des Integrated Listening Systems/ Safe Sound Protocols) wurde entwickelt, um mithilfe eines komplexen akustischen Stimulationsprogramms die neuronale Regulation der Mittelohrmuskulatur zu trainieren und systematisch herauszufordern. Hierbei handelt es sich um ein Übungsmodell, das eine computergesteuerte akustische Stimulation verwendet, um das an den Hörer übermittelte Frequenzband entsprechend stimulierend zu modulieren. 

Prof. Dr. Stephen W. Porges

Professor für Psychiatrie/ Begründer der Polyvagaltheorie, Integrated Listening Systems (iLS)


Die 2 Komponenten des “Safe & Sound Protocols (SSP)”

Das Safe-Sound-Protokol (SSP) als Intervention besteht aus zwei Komponenten:

 1.) Strukturieren eines sicheren Kontexts, in dem die Intervention durchgeführt wird.

2.) Übermitteln der akustischen Merkmale des während der Intervention präsentierten Tons, die als neuronale Übung dienen.

Es ist wichtig zu erkennen, dass eine erfolgreiche Implementierung des SSP beide Komponenten erfordert. Damit der SSP wirksam ist, muss das Nervensystem des Klienten in einem sicheren Zustand gehalten werden. 

Wie iLS die Aufmerksamkeit & Selbstregulation beeinflusst

Die meisten aktuellen Strategien zur Behandlung diverser Symptome sind rein verhaltensbezogen. Der verhaltensbezogene Ansatz ist ein guter Anfang, stützt sich jedoch auf die kognitiven Prozesse des Kortex, unseres „denkenden Gehirns“, die bei der Selbstregulierung und der Steuerung von Impulsen häufig nicht wirksam sind. Experten sind sich einig, dass es keine einzige Lösung für komplexe Probleme wie ADHS, Autismus oder Traumafolgen gibt. Die meisten Menschen benötigen daher mehrere Strategien und Herangehensweisen auf unterschiedlichen Ebenen. Das iLS/ SSP ist – wie bspw. auch das “TRE®” – keine Therapie und ersetzt diese auch nicht – jedoch kann es als flankierende Maßnahme eine wunderbare Bereicherung darstellen.  

Menschen mit den zuvor genannten Problemen zeigen häufig folgende Eigenschaften/ Phänomene:

  • Wenig Augenkontakt/ Probleme in zwischenmenschlicher Kommunikation
  • Eintönige Intonation
  • Erstarrter Gesichtsausdruck/ wenig Mimik
  • Schwierigkeiten in der Verhaltens- & Impulskontrolle (Hyperarousal/ Hypoarousal/ Ablenkbarkeit/ Erregbarkeit/ Impulsivität/ Wutausbrüche/ Überforderung etc.)
  • Kompromittierte vagale Regulation (wie bspw. Verdauungsbeschwerden/ Entzündungen/ Schlafprobleme etc.)
  • Probleme Gesprächen & Gesprächsinhalten zu folgen oder sich selbst sprachlich zu artikulieren
  • Geräuschempfindlichkeit/ Hypersensitivität auf Geräusche & Klänge
  • Kieferverspannungen 


Klangbehandlung mit Integrated Listening Systems (iLS) 

Der von Prof. Stephen Porges geprägte Ansatz des “Integrated Listening Systems (ILS)” ergänzt mit dem sogenannten “Safe-Sound-Protocol (SSP)” sowohl verhaltensbezogene als auch pharmazeutische Ansätze, indem es auf physiologischer Ebene mit mehreren, in 20 Jahren Forschung entwickelten, Klangkonzepten arbeitet. Dabei muss das „denkende Gehirn“ anwesend sein und gleichzeitig Bereiche der älteren Gehirnteile (subkortikal) und des Körpers „trainieren“, die an der Regulierung und Informationsverarbeitung beteiligt sind. Insbesondere zeigen Forschungen, dass dadurch u.a. Symptome in folgenden Bereichen erfolgreich verbessert werden können:

  • Stimmigere körperliche Regulation: Ruhigeres Verhalten & weniger Unruhe/ weniger Aktivierung im Nervensystem
  • Verbesserte Selbstregulation: Generelles Sicherheitsgefühl erhöht sich, Nervosität reduziert sich, Entspannungsfähigkeit erhöht sich & Schlafmuster verbessern sich
  • Erfolgreichere Kommunikation: während eines Gesprächs präsenter sein & verbessertes Zuhören möglich
  • Erhöhte Konzentration: Längerfristig konzentriertes Arbeiten & Lernen möglich
  • Effizientere Organisation: Bessere Planung/Durchführung von Aufgaben & weniger Aufschub (“Prokrastination”)

Autonomes Nervensystem (ANS), Sympathikus & Vagus

Das autonome Nervensystem (ANS) steuert viele Organe und Muskeln, die unwillkürlich und reflexiv arbeiten. Das ANS ist in zwei Situationen wichtig: in Notfällen, in denen wir „kämpfen“ oder „fliehen“ müssen, und in Situationen, in denen wir „ausruhen und verdauen“ können. Der Teil des ANS, der das letztere regelt, ist das Parasympathische Nervensystem. Das Hörprogramm von iLs stimuliert das Parasympathische Nervensystem über den Nervus Vagus (Ohrenzweig). Viele Kinder und Erwachsene, die mit iLs Programmen beginnen, sind in einem Zustand der sympathischen Hypererregung von „Kampf oder Flucht“ (die auch bei allen chronischen Entzündungserkrankungen eine wichtige Rolle spielt). Die sanfte Stimulation des ventralen Vagusnervs bewirkt ein Gleichgewicht des ANS, das sich in erhöhter Ruhe und Selbstregulation widerspiegelt. Dies ist freilich auch auf unterschiedlichen anderen Wegen möglich, welche wir 1:1, oder auf Anfrage, als Kleingruppen-Training, bzw. Inhouse-Veranstaltung für Teams, unterrichten (Vagus-Training >>).  

Kleinhirn (Cerebellum) & auditiv-motorisches Training

Das Kleinhirn (“Cerebellum”) macht etwa 10% des Gehirngewichts aus, besitzt jedoch 50% der Gehirnneuronen. In Bezug auf Computer ist es unser Prozessor, der Eingaben von sensorischen Systemen und verschiedenen Teilen des Gehirns empfängt und diese Eingaben zur Feinabstimmung der motorischen Aktivität integriert. Die meisten Neurowissenschaftler sind sich einig, dass das Cerebellum an motorischen Funktionen, kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit und emotionalen Funktionen wie der Regulierung von Angst- und Lustreaktionen beteiligt ist. Eingaben aus dem visuellen, vestibulären und auditorischen System trainieren Sitzung für Sitzung das Kleinhirn, um die Verarbeitung multisensorischer Informationen effizienter zu gestalten.

“Wir brauchen das “soziale Engagementsystem”. In diesem System hören wir auf die Intonation der Stimme und verwenden das Gesichts-Engagement. Wenn eine Person eine Intonation hat, ein ausdrucksstarkes Gesicht und Augen offen sind, wenn wir mit ihnen sprechen, spannt diese ausdrucksstarke Person auch Mittelohrmuskeln an, die die Extraktion der menschlichen Stimme aus Hintergrundgeräuschen erleichtern.

(Prof. Stephen W. Porges)

Körpergewahrsein & Propriozeption

Indem wir – bspw. mit Hilfe des Tuning-Boards oder des SOMA-Embodiments – den Sinn für den eigenen Körper verbessern – wo er sich befindet, wie man ihn steuert, wie man ihn bewegt, wie er geerdet ist und welche Auswirkungen Erinnerungen/ Gedanken/ Befürchtungen/ Innere Bilder/ Ego-States auf das Körpergewahrsein, die Haptik und Erdung haben -, können wir uns auf Aktivitäten höherer Ordnung konzentrieren. Kinder und Erwachsene, die ihre propriozeptiven Fähigkeiten verbessern, können in Folge dessen entspannter und geregelter an alltägliche Lern- und Kommunikationsaufgaben herangehen und Herausforderungen im Privaten, wie im Beruflichen erfolgreicher meistern.

Hinweis

Dieser Artikel dient der reinen Information zum Thema. Für eine kassenfinanzierte “Traumatherapie” wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten. Am freiraum-Institut bieten wir ausschließlich Persönlichkeitsentwicklung und Coaching zur Potenzialentfaltung an. 

Jörg Fuhrmann

Jörg Fuhrmann

Leiter freiraum-Institut/ Therapeut/ Supervisor

Körper-Gestalttherapeut (EAP)/ Transpersonaler Therapeut (EUROTAS)/ Safe-Sound-Protocol-Practitioner (SSP)

Literatur: 

Levine, Peter, A., 2010, Sprache ohne Worte – Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt, Kösel

Porges, Stephen, W./ Dana, Deb, 2019, Klinische Anwendung der Polyvagaltheorie – Ein neues Verständnis des Autonomen Nervensystems und seiner Anwendung in der therapeutischen Praxis, Probst

Porges, Stephen, W., 2017, Die Polyvagaltheorie und die Suche nach Sicherheit, Probst

Porges, Stephen, W., 2010, Die Polyvagaltheorie – Neurophysiologische Grundlagen der Therapie, Junfermann

Rahm, Dorothea/ Meggyesy, Szilvia (Hrsg.), 2019, Somatische Erfahrungen in der psychotherapeutischen und körpertherapeutischen Traumabehandlung, Probst

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