Um potenziellen Kritikern zu diesem Thema gleich den emotionslastigen Wind aus den Segeln zu nehmen, vorab der Hinweis, dass dieses Thema jedes Land und jeder betroffene Bevölkerung eines Kriegsgeschehens betrifft – im Falle des ersten Weltkriegs und des zweiten Weltkriegs müsste man daher “programmatisch” sagen: “Vom Attentat in Sarajevo über Verdun, Versaille, Guernica, Auschwitz, Stalingrad, Dresden und Hieroshima.” Gleiches gilt für den kollektiven Einfluss kriegstreiberischer Propgaganda-Hypnose sowie damit verbundener, hypnotisch-suggestiver Diabolisierung vermeintlicher Gegner (“Verschattung”) und eigene Idealisierung (“Lichtprojektion”). Dieser Artikel beschäftigt sich mit der deutschen Seite und den in der Geschichtsvermittlung sowie allgemeinen Wahrnehmung unterrepräsentierten Aspekten – wozu, wie in jedem Kriegsgeschehen – auch die wenig thematisierten Interessen geopolitischer Einflussnahme gehören, die in irgend einer Form alle Kriegsparteien betreffen, aber medial häufig sehr einseitig dargestellt werden. Der Artikel ist somit auch eine Einladung, sich eigenverantworlich-kritisch mit den geopolitischen Anliegen, Interessen und Visionen v.a. Englands, Frankreichs, Russlands, Polens und natürlich der USA vor und zwischen den Weltkriegen zu beschäftigen, wenn man sich denn um ein ausgewogenes Bild der “deutschen Lage” bemühen und ein Gespür für mögliche Folgen auf kollektiver wie individueller Ebene entwickeln will.

Die Völker als Spielball geopolitischer Machtinteressen

Am 01.10.2010 titelte die Zeit: 92 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zahlt Deutschland die letzte Rate seiner Kriegsschulden – Zum Tag der Deutschen Einheit werden 200 Millionen Euro überwiesen.” 92 Jahre nach dem Vertragsschluss von Versailles hat Deutschland also seine “Kriegsschuld” vom ersten Weltkrieg nun endgültig beglichen – Gott sei Dank, möchte man beinahe ausrufen, wenn es da nicht noch den zweiten Weltkrieg geben würden, welcher ohne den Vorlauf des ersten so undenkbar gewesen wäre. Sir Winston Churchill – der auch in seinen “Erinnerungen” schrieb “Wir hätten, wenn wir gewollt hätten, ohne einen Schuss zu tun, verhindern können, dass der Krieg (WK2) ausbrach, aber wir wollten nicht.”, bezeichnete die Zeit von 1914-1945 (in einem Brief an Stalin) demgemäß auch als “Zweiten Dreißigjährigen Krieg“. Neuere Publikationen, wie die des Cambridge-Geschichts-Professor Sir Christopher Clark “Die Schlafwandler – Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“, machen allerdings recht schnell deutlich, dass “Schuld” in einem geopolitischen Konflikt niemals einseitig sein kann und dass in Folge dessen eine einseitige Betrachtung – oder sollte es besser heißen “Fixierung” (?!) – durchaus hypnotischen Charakter besitzt. Dazu noch einmal Churchill: “Das unverzeihliche Verbrechen Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg war der Versuch, seine Wirtschaftskraft aus dem Welthandelssystem herauszulösen und ein eigenes Austauschsystem zu schaffen, bei dem die Weltfinanz nicht mitverdienen konnte.”

Löst oder lockert man diese “Fixierung” also, mit Hilfe einer weit schweifenderen Aufmerksamkeit, erkennt man mitunter mit etwas historischem Hintergrundwissen, signifikante phänomenologische Parallelen bei der Anbahnung und Durchführung heutiger global ablaufender Auseinandersetzungen. “Die Wahrheit” ist bekanntlich in jedem Krieg – und auf jeder Seite des Schlachtfeldes -, noch vor der “Unschuld”, das erste Opfer, in deren Folge die Zivilbevölkerung ein ums andere Mal zu den Spielbällen des Adels sowie von Wirtschaft, Politik und Hochfinanz geworden ist.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, ist aller Ding König.

Heraklit v. Ephesos

Vorsokratischer Philosoph

Endlos übertragbare Kollektivschuld!? 

These: Nach der jahrzehntelangen Beschäftigung mit den Folgen deutscher Täterschaft drängt es sich zunehmend mehr auf, auch die andere Seite, der “Opferschaft” zu betrachten. Dieser sicherlich nicht einfache und diffizile Artikel beschäftigt sich mit einem Thema, welches auch gerne – wie jedes Thema, dass an die “Nerven” geht und an den tiefen Emotionen rüttelt – von Radikalen, jedweder Richtung, oberflächlich für sich instrumentalisiert wird. Verbietet sich daher damit der Umgang? Soll ein Therapeut, dessen Aufgabe es ist in die “Schattenbereiche” zu schauen und andere dazu anzuregen, bzw. befähigen, dies selbst zu tun, eben diesen “einen Bereich” deswegen ausblenden? Nur weil es ggf. nicht “opportun” oder “zeitgemäß” ist? Nicht opportun, weil “der Deutsche” ja, sobald er auf sein erfahrenes Leid verweist “relativiert”, weil er es ja “verdient” hatte, denn schließlich hatte er ja damals spätestens im “Berliner Sportpalast” dem “Totalen Krieg” – und somit der totalen, eigenen Vernichtung, frenetisch zugestimmt  oder aus der spirituellen- sowie der Positiv-Denken-Ecke kommend – weil es ja nicht gut ist, sich mit “negativen Themen” und dem “Opfersein” zu beschäftigen, denn schließlich verlöre man dann ja seine Fähigkeit sich durchweg glücklich, schön, erfolgreich, “erleuchtet” zu erleben und außerdem erschaffe man damit ja nur eine neue “Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung”.

In diesem Beitrag geht es – ganz im Sinne des Auschwitz-Überlebenden Psychiaters Dr. Viktor Emil Frankl, der sich zeiteitlebens immer gegen eine “retrograde Kollektivschuld” – also eine “Erbschuld” – ausgesprochen hat, nicht darum “Schuld” aufzurechnen o. “umzulenken” sondern darum einen Blickwinkel dafür zu schaffen, was es bedeutet in einer Nachfolgegeneration zu leben, die kriegerisch-martialische High-Tech-Zerstörung, Mord, Terror und Vergewaltigung erlebt hat. Es bedeutet nicht nur deren Leid anzuerkennen sondern v.a. auch das “Opfer” in einem jeden von uns Nachfahren (die es ja in jedem betroffenen Land gibt) selbst. Über all die Jahrzehnte seit dem Kriegsende wurde im Rahmen des alliierten Umerziehungsprogramms (“Re-Education”) und der daran anschließenden Medienbildung (“Operation Wunderland“) der Schwerpunkt auf die Aspekte der Täterschaft gelegt, dessen Gegenpol hier betrachtet werden soll – Anm.: die transgenerativen Folgen von familiärer Täterschaft sind für die nachfolgenden Generationen freilich nicht minder eklatant.

Wenn der Gegenpol wertfrei bestehen darf und gehalten werden kann, dann entsteht eine Mitte, über welche man – im Sinne der Gestalttherapie o. des Inner-Team-Focusing® (ITF) – in eine übergeordnete, alles durchdringende Betrachtung gelangen kann, die nicht in dualistisch in “Gegensätzen” verhaftet bleibt.

Kriegstrauma – Das dunkle Erbe in uns…

Nun werden Sie vermutlich – genau wie ich zuerst auch – spontan sagen: “Aber das betrifft doch nicht mich! Schließlich leben wir doch schon so lange im Frieden hier und außerdem ist das doch lange her.” oder so etwas wie: “Aber das war doch überall so!” Das es damit – im Sinne von Helmut Kohls “Gnade der späten Geburt” – nicht so ganz weit her ist, wird jedem klar, der noch wach in die Augen seiner Großeltern, die den letzten großen Krieg noch erleben mussten, sehen konnte und den Mut zu Fragen besessen oder die Fähigkeit zwischen den Zeilen zu lesen sein Eigen nennt. Dass eine bloße “Umlenkung” durch einen simplen Vergleich mit “anderen” ebenso wenig hilfreich ist, wird er oder sie mitunter an den Erfahrungen mit den eigenen Eltern festgestellt haben, die – je nach Jahrgang direkt oder indirekt betroffen waren von Todesangst, Hunger, Vertreibung, Kälte sowie empathieloser – vom Behaviorismus übernommener – “NS-Erziehung”, familiärer Gewalt und der allgemein überflutenden Bildmacht jener Ära. Daher möchte man mitunter zum Alten Testament (Prediger 3) greifen und zitieren: “Das Geborenwerden hat seine Zeit und ebenso das Sterben; Das Pflanzen hat seine Zeit Und ebenso das Ausraufen des Gepflanzten; Das Töten hat seine Zeit Und ebenso das Heilen; Das Einreißen hat seine Zeit Und ebenso das Aufbauen (…); Das Schweigen hat seine Zeit und ebenso das Reden; Das Lieben hat seine Zeit und ebenso das Hassen; Der Krieg hat seine Zeit und ebenso der Friede.” 

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

George Santayana

Philosoph/ Schriftsteller , "The Life of Reason" (1905)

Transgeneratives Trauma durch Epigenetik & Lernen am Modell

Das Phänomen der transgenerativen Traumaweitergabe o. transgenerationalen Traumatisierung, welche erst in den letzten Jahren, mit den neueren Forschungserkenntnissen der sogenannten “Epigenetik” in die breitere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt ist, hat es ohnehin schwer, da dessen Folgen so derart schwer zu greifen und zu erfassen sind. Wenn es sich dann allerdings mit derart kontroversen Themenkomplexen handelt – wie denen des deutschen Leids/ Traumas von Weltkrieg 1 und 2 -, die dominiert sind von Schuld, Scham, Selbstvorwürfen, Fremdvorwürfen, Verlust, Abspaltung, Verdrängung und einem nebligen Gefühl diffuser Leere, dann bleibt das Eigentlich oftmals auf der Strecke. Die tiefer liegenden, i.d.R. nicht bewussten/ nicht gefühlten und eingekapselten Komponenten von (individuellem/ kollektivem) Trauma, Trauer, Ohnmacht, Demütigung, Verzweiflung und Wut, brechen sich maximal in entsprechend, abermals instrumentalisierter Form Bahn, finden ansonsten im privaten, wie im gesellschaftlichen Diskurs wenig Aufmerksamkeit oder Beachtung, geschweige denn Anerkennung oder gar “Würdigung” in einem achtsam-würdevollen Rahmen.

 

 

Aufgrund meiner jahrelangen Erfahrungen im therapeutisch-beraterischen Bereich als transpersonale ausgerichteter Gestalttherapeut/ Hypnotherapeut ist es mir daher ein Anliegen mich dem Thema in Hinblick auf den ersten und zweiten Weltkrieg und den daraus speziell für die deutsche Bevölkerung abzuleitenden transgenerativen Traumatisierungen zu beschäftigen. Dies mag einerseits aus eigenem familienbiographischem Interesse herrühren, welches bereits sehr früh begann, bis hin zu den nahezu regelmäßigen, spontanen Erfahrungen reichen die ich v.a. in den Bereichen der systemischen und psychodynamischen Aufstellungsarbeit, der Biographiearbeit, der inneren Teilearbeit, der Regressionshypnose und insbesondere beim holotropen Atmen sowie Tranceprozessen mit meinen Klienten und Kursteilnehmern erleben konnte.  Diese waren in den allermeisten Fällen sehr berührend, tiefgehend und häufiger Faktor nachhaltiger Erkenntnisprozesse, Integration und Transformation – selbst bei akuten oder jahrelang “chronisch” vorhandenen Themen.

Transgeneratives Trauma & PTBS – Kriegskinder & Kriegsenkel

Nach unserem “Modell” liegen in Folge der besagten, indirekten Traumaweitergabe unterschiedliche Themenkomplexe/ Aspekte vor, die bspw. auch im Formenkreis der PTBS-Symptomatik zu finden sind. Allerdings zeigen sich im Falle einer transgenerativen Traumatisierung die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS/ PTSD) (aufgrund von Kriegsfolgen), ohne selbst aktiv einen Krieg und die damit verbundenen Traumata erlebt zu haben. Man hat den PTBS-Stress quasi zellulär oder epigenetisch sowie systemisch und durch Modell-Lernen übernommen. Themenbereiche die man sich diesbezüglich anschauen und therapeutisch bearbeiten/ begleiten kann – was bei uns v.a. im “1:1-Intensviwochen-Format” sowie im Workshop-Format “Wilde Götter in Dir – Der Speer der Athene” passiert – sollen im Folgenden in Auszügen genannt werden:

a) Dauer-Trancen: starke fremd- & auto-hypnotische Prozesse in der Endlosschleife, die einer entsprechenden “DeHypnose” bedürfen; diese resultierenden u.a. aus (früh)kindlichen Bindungserfahrungen, als auch aus diesbezüglichen Erfahrungen mit Pädagogen und Medien; dazu könnte man bspw. auch das “Blind-Sein” für vergleichbare Situationen in der heutigen Zeit sowie das mitunter aggressive Umdeuten (von Frauen) bspw. von heutigen Gruppenvergewaltigungen (inkl. Täter-Idealisierung) sehen

b) Falsches Selbst/ Charakterpanzer: es entsteht das, was Arno Gruen “Falsches Selbst” – also eine aufgesetzte (Schein)Persönlichkeit, entkoppelt von der eigenen Wahrnehmung – nannte; Über-Identifikation mit der Alltags-Ich-Maske (“Persona”) und Verstärkung der (Ab)Spaltung (“Schatten”); “Wand” zwischen den Ich-Anteilen (“Ego-States”) wird dicker; dies geht wiederum mit einer immensen Verleugnung, Verneblung/ Verdrängung und kognitiven Dissonanz einher

c) Wahrnehmungsstörung: der Mensch traut sich selbst und seiner eigenen Wahrnehmung nicht o. weniger als der von außen angebotenen Interpretation; bzw. die eigene Wahrnehmung entspricht überhaupt nicht der äußeren Realität, wird aber unverrückbar für “wahr” gehalten; plötzliche “Symptome” wie Beklommenheit, Kältegefühle, Schreckstarre o. konkreten Bezug

d) Innere Unordnung: oft befindet sich, u.a. in Folge der beklemmenden, alles Emotionale ausblendenden Totstell-Atmosphäre in deutschen Familien (v.a. der 1950er-1980er Jahre), nicht nur die äußere, sondern v.a. auch die “Innere Familie” des Einzelnen nicht in Ordnung sondern in konstanter Disharmonie; dabei herrscht – aufgrund von Familientabus – mehr oder minder größere Unbewusstheit für die eigenen charakterlichen Fixierungen, als “beste Lösungsstrategie” jener ambivalent-schwierigen biographischen Erfahrungen, vor

e) Körperpanzerung: in Folge dessen viel Spannung/ Leid psychosomatisch im muskulären/ faszialen/ neuronalen System gehalten und blockiert somit den freien Lebensfluss sowie alles Lebendige/ Spontane/ Kreative; Sexualität und Gefühlsausdruck sind mitunter gehemmt; Erregung/ Aggression (aus Angst vor den möglichen Folgen) werden nicht bewusst erlebt/ thematisiert/ ausgedrückt, sondern weiter “eingepanzert” (auch charakterlich)

f) Super-Ego: Zugänge zur Spiritualität/ Transpersonalität werden verunmöglicht oder laufen ins Gegenteil einer “spirituellen Verklärung” bereits bestehender Problematiken; auch “Prä-Trans-Irrtum” (Wilber)

g) Entwicklungshemmung: gesunde Potenzialentfaltung hin zur Selbstverwirklichung, Einfühlung und Selbsttranszendenz ist nur reduziert, weit unterhalb des eigenen Potenzials – “mit angezogener Handbremse” – möglich

h) Leid-Introjektion: das Leid der gesamten Welt wird reflexhaft sich selbst “unzerkaut” einverleibt/ “aufgeladen”; ggf. Idealisierung/ Sakralisierung von Leid; mitunter auch gekoppelt mit hohen Erwartungshaltungen an das Umfeld; eine generelle Schwermut und unbestimmte Melancholie erfüllt das Wesen – je nachdem – vordergründig o. latent im Hintergrund

i) Armut statt Fülle: Betroffene kommen, trotz größter Anstrengungen, mitunter nicht in wirkliche Fülle – auch im materiellen Sinn – an, sondern verharren immer noch in unbewusster “Nachfolge”; ggf. auch eine mehr o. minder bewusste Idealisierung von Besitzlosigkeit als höchstes Ideal/ Tugend und gleichzeitiges Verurteilen von Wohlstand/ Erfolg/ Besitz; alternativ hat man es “zu etwas gebracht”, kann es aber aus Scham o. “Solidarität” mit den Ahnen nicht genießen

j) Auf-der-Flucht-sein: ein “Sich-Zuhause-Fühlen” an einem Ort, mit sich selbst, anderen Menschen/ Lebewesen o. in der Welt allgemein scheint verunmöglicht/ man ist nie ganz “da”; partnerschaftliche Beziehung/ erfüllende Sexualität etc. können schwierig-unmöglich sein; “Gefühl” nicht richtig bzw. irgendwie “falsch” o. “am falschen Platz” zu sein

k) Sucht-Hungergeist: eine bereits in der Kriegsgeneration weit verbreitete “Lösungsstrategie” mit oftmals fatalen Folgen für die Nachkriegsgeneration und Kriegsenkel, die diese Form des seelischen Hungers, der mittels des Konsums weltlicher Stoffe/ Substanzen/ Objekte/ Titel/ Errungenschaften/ Menschen etc. kompensiert werden soll, aber mitunter parallel mit großer Scham besetzt ist

l) Punktuelle Entladungsregulation: Betroffene suchen nach (stellvertretenden) Möglichkeiten der (symbolischen) “Abreaktion und Entladung” zum generellen Spannungsabbau und zur damit verbundenen Wiederherstellung einer annähernden Spannungsbalance (“Homöostase”); dies erfolgt bspw. punktuell durch “Alkohol”, welcher die Gegenseite des Alltags-Ichs nach oben bringt; alternativ können auch Sport o. Arbeit ähnliche Funktionen erfüllen und bis zur totalen Erschöpfung führe

m) Angst-Projektion: diffuse Angst, vor allem und jedem (“German Angst”); mögliche Gefahren, bspw. wenn man sich nur zu “weiblich” kleidet/ vor Männern allgemein/ vor Kontrollverlust/ vor Manipulation/ vor Aggression/ vor Lebendigkeit etc., werden (hypersensibel) überall wahrgenommen; in Folge dessen werden Veränderungen i.d.R. reaktiv als skeptisch-negativ konnotiert/ nicht als “Chancen” o. “Möglichkeiten” sondern eher als “Risiko” o. “Gefahr” interpretiert; man verarbeitet viele Allagsimpulse via Stammhirn und Amygdala

n) Naiver Realismus: der gesunde Menschenverstand ist wie ausgeschaltet / Gefahrensituationen und -potenziale werden überhaupt nicht mehr als solche wahrgenommen; man lebt in einer rosa Blümchenwelt, was mitunter auch aus der 1:1-Übertragung spiritueller Erfahrungen herrühren kann

o) Wiederholungszwang: man erkennt die Vorzeichen bestimmter Situationen nicht, kann keine Parallelen zu den Erfahrungen der Eltern/ Großeltern ziehen, meint mitunter auch “alles anders zu machen” und befindet sich eigentlich in einer Endlos-Wiederholungsschleife, die man nicht bereit zu Hinterfragen ist

p) Narzisstische-Kompensation: man idealisiert alles von außen Kommende sowie alle anderen und vergisst dabei gänzlich sich selbst und sein Umfeld (“Helferkomplex”/ “Hilflose Helfer”) – man möchte endlich einmal nur “gut” und frei von “Schuld”/ “Sünde” sein und dies auch der ganzen Welt zeigen; am Ende erleidet man mitunter das, was viele pädagogisch-therapeutische und soziale Berufe ereilt: das klassische Ausgebrannt-Sein

q) Reaktive Entwertung: man entwertet automatisiert-zwanghaft nahezu alles kulturell Eigene/ Fremde; alles aus der eigenen Familienbiographie, was soweit geht, dass man sich selbst, den eigenen Mitmenschen und dem gesamten Kulturkreis (o. einem anderen) den kollektiven Tod wünscht

r) Blinde Flecken: man ist bspw. gegen Rassismus, hat aber kein Problem mit rassistischen Äußerungen gegenüber der eigenen Ethnie/ man bekennt sich/ kämpft gegen “Antisemitismus”, ist jedoch (völlig) blind gegenüber einem mitunter starken Antisemitsmus anderer Ethnien und Gruppen, die man ggf. selbst noch proaktiv fördert/ unterstützt/ idealisiert etc.

s)

Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.

Platon

Philosoph

Transkulturelles Erwachen & Rückverbindung

Angeregt durch meine ausgiebige eigene, internationale Reisetätigkeit, den therapeutischen Lehrzeiten bei unterschiedlichen Schamanen sowie der Organisation/ Durchführung von Seminaren mit ihnen, wurde mir erstmalig schlagartig deutlich, wie sie, die Situation als von außen kommende Heiler betrachteten und wahrnahmen. Seitdem begann eine zunehmende Suche nach den Spuren der Ahnen, den Wohnorten, den vermutlichen Todesstellen und damit verbundenen Geschichten, welche sehr viel mit mir selber zu tun hatten, wie ich in diesem mehrjährigen Prozess feststellen musste. Der innere “Aufbruch” und die damit verbundene Weitung des Blickwinkels geschah für mich in einer Zeit, in welcher ich meine sechsjährige Ausbildung zum Gestalttherapeuten abschloss und die eben auch geprägt war, durch viele hundert Stunden an Selbsterfahrung und Selbsterforschung, welche sich dann darauf 8 weitere Jahre in meiner transpersonalen Ausbildung fortsetzte.

 

Gestalttherapie versteht sich u.a. als Ansatz, die verdrängten Aspekte und Gegenpole – man könnte auch sagen “Hintergrundgestalten” – von Situationen, Begebenheiten, Emotionen und Haltungen aufzuspüren, herauszulocken und deutlich (emotional-körperlich) erfahrbar zu machen. Dass sich damit ein nicht immer leichter und oftmals schwerer Prozess im eigenen Selbst sowie in Systemen vollzieht, ist sicherlich leicht nachvollziehbar. Die damit verbundene Konfrontation erzeugt nicht nur selbstorganisierende Bewegung (“Autopoiesis”) im Einzelnen, sondern auch – vergleichbar mit einem von der Decke hängenden Mobile – in der ihn oder sie umgebenden systemischen Feldstruktur, sowie im Kollektiv an sich. Gestalttherapie hat sich in Folge dessen immer auch als eine Haltung und humanistische Form der gesellschaftlichen Entwicklung verstanden und deutlich gemacht, dass “Leid per se immer für sich steht und weder durch einen Vergleich, noch durch Verdrängung, Umlenkung oder andere “Kontaktunterbrechungen” minimiert wird, geschweige denn verarbeitet werden kann. Auch die Idee, dass einfach “die Zeit alle Wunden heilt” wurde ad absurdum geführt – der Mensch ist, im Sinne der Humanistischen Psychologie, in der Tat ein mehr oder minder eigenverantwortlich Handelnder. Dies bedeutet auch, sich den eigenen Schattenthemen, sowie zumindest denen seiner direkten Ahnen und Vorfahren zu widmen und sich dorthin einzuspüren, denn schließlich finden wir hier nicht nur das Leid und den Schmerz, sondern auch die Wurzeln unserer irdischen Existenz und Kraft.  Ansonsten kommt es u.a. zu dem was, der Transpersonale Psychologie-Pionier Prof. Charles Tart “Konsensus-Trance” nannte – einer Form der kollektiven Verneinung dessen was ist.

Jenseits des Schweigens beginnt die Verarbeitung

Demgemäß scheint es meiner therapeutischen Erfahrung nach notwendig, die Formen kollektiver Traumatisierung anzuschauen, die eben auch den Deutschen v.a. in diesem Zeitrahmen wiederfahren sind und die bis heute weiter wirken. Dazu zählen neben den Schattenseiten Adolf Hitlers und des NS-Regimes, welche sich bis heute bspw. auch durch ein seltsam-verstörtes Verhältnis zum Thema “Spiritualität” oder allgemein zum Thema “Psychotherapie/ Psychologie” (These – als Folge des “Euthanasie-Programms”?) zeigen, sind v.a. auch die Folgen von millionenfachem Verlust/ millionenfacher Vertreibung/ Verschleppung/ Vergewaltigung (durch Alliierte Soldaten)/ Zwangsarbeit/ (Brand)Bombenterror (“Feuersturm”) gegen Zivilisten/ Propaganda-Einfluss/ Re-Education-Programm/ Besatzung sowie natürlich der Zusammenbruch des eigenen Weltbildes zu betrachten. Dank gewisser Publikationen und Veröffentlichungen u.a. von Sabine Bohde und Hilke Lorenz, lockert sich das “Dogma des Schweigenmüssens” zum Glück langsam aber beständig seit etwa 2006. In den Medien erfahren die letzten, noch verbliebenen Zeitzeugen erstmalig breitere Aufmerksamkeit und das Thema dringt zunehmend in das kollektive öffentliche Bewusstsein ein – wie so oft, wenn die direkt Betroffenen nahezu nicht mehr vorhanden sind. Allerdings ist es für die Nachgeborenen nicht minder entscheidend sich diesem “Erbe” in sich selbst mutig zu stellen.

Jörg Fuhrmann (Schweiz)

Jörg Fuhrmann (Schweiz)

Gestalttherapeut (EAP)/ Transpersonaler Therapeut & Supervisor (EUROTAS)

Experte für Krisen, DeHypnose & Existentielle Trancetherapie

Quellen: 

Alberti, Bettina, Seelische Trümmer: Geboren in den 50er- und 60er-Jahren – Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas, Kösel

Anonyma/ Enzensberger, Hans-Magnus, 2003, Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Eichborn

Bode, Sabine, 2015, Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Klett-Cotta

Burk, Henning (u.a.) 2013, Fremde Heimat: Das Schicksal der Vertriebenen nach 1945, Rowohlt

Churchill, Winston, S. 2003, Der Zweite Weltkrieg, Fischer

Clark, Christopher, 2015, Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog, Pantheon

Gebhardt, Miriam, 2016, Als die Soldaten kamen – Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs, Pantheon

Hartenstein, Michael, A., 2014, Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie: “Westverschiebung” und “Umsiedlung” – Kriegsziele der Alliierten oder Postulat polnischer Politik?, Lau

Huber, Florian, 2016, Kind, versprich mir, dass du dich erschießt: Der Untergang der kleinen Leute 1945, Pieper

Jacobs, Ingeborg, 2009, Frau, komm!: Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45, List

Lorenz, Hilke, 2003, Kriegskinder: Das Schicksal einer Generation, List

Lorenz, Hilke, 2011, Heimat aus dem Koffer: Vom Leben nach Flucht und Vertreibung, List

Reddemann, Luise, 2018, Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie: Folgen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs erkennen und bearbeiten, Klett-Cotta

Schneider, Michael (Hrsg.), 2015, Nebelkinder: Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, Europa

Zayas, Alfred, M., 1990, Die Wehrmacht – Untersuchungsgstelle: Unveröffentliche Akten über aliierte Völkerrechtsverletzungen im 2. Weltkrieg, Heyne

© freiraum-Institut (FRI) (Konzept von Jörg Fuhrmann) – Teilen ausdrücklich erwünscht.

“freiraum-Institut – Hypnose & Coaching®”, “Inner-Team-Focusing® (ITF)” & “Hypnofree-Cellenergy®” sind im Handelsregister eingetragene Marken.

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