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Von Martin Bassier

In der psychotherapeutischen Ausbildung sind wir kürzlich wieder über ein Thema gestolpert, das mich aus eigener Erfahrung schon lange begleitet:

👉 Wie unterscheiden wir spirituelle oder mystische Erfahrungen von tatsächlichen psychischen Erkrankungen?

Und warum taucht dieses Thema – obwohl die World Health Organization Spiritualität ausdrücklich als Dimension von Gesundheit anerkennt – in unseren gängigen Klassifikationssystemen (ICD-11, DSM-5) bis heute nur am Rand auf?

Je tiefer man hinschaut, desto klarer wird:
Es fehlt nicht an Erfahrungen – es fehlt an Sprache, an Wissen und an sicheren Räumen.
Und viele Menschen schweigen über das, was sie erlebt haben.

  1. Es geht nicht nur um „schöne Erlebnisse“

Es geht hier nicht um Gebetspraxis oder nette Meditationserlebnisse, sondern um Erfahrungen, die einen Menschen in seinem Innersten treffen.

Nahtoderfahrungen (NDE) und andere intensive spirituelle Erlebnisse umfassen häufig:

  • das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen
  • Licht- oder Tunnel-Erlebnisse
  • die Präsenz verstorbener Menschen oder Wesen
  • einen intensiven Lebensrückblick
  • einen Zustand tiefen Friedens und überwältigender Liebe

Das ist kein exotischer Ausnahmefall.

Studien gehen davon aus, dass 4–8 % der Allgemeinbevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine NDE machen.
Unter Menschen, die klinisch tot waren oder eine kritische Erkrankung überlebt haben, berichten 10–23 % von solchen Erfahrungen.

Das heißt ganz klar:
Sehr viele Menschen tragen solche Erfahrungen in sich – und die meisten sprechen nie darüber.

  1. Der Bruch danach

Oft dreht sich danach im Leben alles. Für viele bedeutet eine NDE keinen „Weiter wie zuvor“, sondern einen schweren inneren Wandel.

Betroffene berichten von:

  • deutlich reduzierter Todesangst
  • veränderten Lebensprioritäten
  • intensiver Sinn- oder Spiritualitätssuche
  • dem Wunsch, das Leben komplett neu auszurichten

Studien zeigen, dass etwa 70 % der Betroffenen nachhaltige Veränderungen erleben.

Gleichzeitig fühlen sich viele isoliert, unverstanden, „zwischen den Welten“.
Sie funktionieren äußerlich, aber innerlich zweifeln sie an sich selbst, weil sie etwas erlebt haben, das sich nicht in Worte fassen lässt.

Und oft fehlt genau dort Verständnis – auch im medizinischen und therapeutischen System.

Wie soll jemand begleiten, der:

  • so etwas selbst nie erlebt hat,
  • keine eigene Praxis oder Erfahrung mit solchen Zuständen hat,
  • und Erlebnisse reflexhaft pathologisiert?
  1. Das Problem: Wir sind fachlich (noch) nicht gut genug vorbereitet

Im klinischen Alltag fehlt häufig:

  • Wissen über Nahtoderfahrungen und spirituelle Krisen
  • Kompetenz, diese von Psychose, Trauma oder Depression zu unterscheiden
  • Zeit, Sicherheit und Mut, solche Themen überhaupt anzusprechen

Dabei begegnen Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten diesen Erfahrungen regelmäßig – besonders in Intensivmedizin, Notaufnahme und Chirurgie.

Was fehlt, ist die Fähigkeit:

  • zuzuhören
  • einzuordnen
  • zu begleiten
  • und differenziert zu unterscheiden

Das Ergebnis:

Menschen werden körperlich stabil entlassen –
aber seelisch stehen sie oft alleine da.

Die eigentliche Integrationsarbeit beginnt – ohne Begleitung.

  1. Nicht die Erfahrung macht krank – sondern das Alleinsein damit

Wenn solche Erfahrungen nicht begleitet, nicht eingeordnet und nicht ernst genommen werden, entstehen oft sekundäre Probleme:

  • Depressionen durch Isolation und Selbstzweifel
  • Angststörungen und innere Unruhe
  • Schlafprobleme
  • existenzielle Verunsicherung
  • zunehmender Rückzug und Selbstentfremdung

Besonders problematisch wird es, wenn Betroffene Hilfe suchen –
und dort nicht ernst genommen oder vorschnell pathologisiert werden.

Das kann führen zu:

  • Vertrauensverlust
  • innerem Rückzug
  • langfristiger Verschlechterung

👉 Nicht die außergewöhnliche Erfahrung macht krank.
Krank machen kann das Alleingelassen-Werden danach.

  1. Diese Unterscheidung existiert – wird aber zu wenig genutzt

Diese Differenzierung ist nicht neu.

Ein zentraler Ansatz ist das Spiritual Emergency Network (SEN), gegründet 1980.

Die Grundidee:

👉 Menschen begleiten, bevor sie glauben, sie würden verrückt.

Es geht um Zustände, in denen jemand sagt:

„Ich funktioniere noch – aber innerlich hat sich alles verändert.“

  1. Zen, Mystik und Psychotherapie – eine lange Verbindung

Zen war nie nur Meditation. Es war immer ein Weg durch Grenzerfahrungen:

Eine wichtige Brückenfigur im deutschsprachigen Raum waren
Hugo M. Enomya Lassale und Willigis Jäger.

Sie verbanden:

  • Christliche Mystik
  • Zen-Praxis
  • Psychotherapeutisches Denken

Sie machten, wie auch Karlfried Graf Dürckheim, deutlich:

👉 Der Grat zwischen Durchbruch und Überforderung ist schmal.

Auch Therapeuten wie Jörg Fuhrmann arbeiteten in diesem Geist:

  • nicht vorschnell bewerten
  • nicht mystifizieren
  • nicht pathologisieren
  • sondern begleiten
  1. Wissenschaftliche Differenzierung ist möglich

Die Arbeit von
Tanja Scagnetti-Feurer
zeigt klar:

👉 Nicht der Inhalt entscheidet – sondern der Kontext.

Unterschiede zeigen sich in:

  • Ich-Kohärenz
  • Realitätsprüfung
  • Lebenskontext
  • Umgang mit der Erfahrung
  • Leidensdruck
  • Alltagsfunktion

Spirituelle Erfahrungen können transformierend wirken –
statt desintegrierend.

  1. Ein gesellschaftliches Thema

Dieses Thema betrifft nicht nur Kliniken.

Es betrifft:

  • Büros
  • Baustellen
  • Werkstätten
  • Führungsebenen
  • Familien

Überall leben Menschen, die tiefgreifende Erfahrungen gemacht haben –
und darüber schweigen.

  1. Fazit

Wir brauchen dringend:

  • mehr Aufklärung
  • bessere Ausbildung
  • sichere Räume für Austausch

Nicht jede außergewöhnliche Erfahrung ist eine Störung.

Manchmal ist sie ein Hinweis darauf,
dass etwas in uns wächst,
das größer ist als das bisherige Selbstbild.

  1. Spiritual Emergency Network (SEN) – Kurzinfo

Das Spiritual Emergency Network (SEN) ist eine internationale Anlaufstelle für Menschen in psychospirituellen Krisen.

Es bietet:

  • Fachpersonen mit Erfahrung in spirituellen Prozessen
  • Vermittlung und Begleitung
  • Austausch und Vernetzung

SEN – Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisenbegleitung e. V.
Niendorfer Weg 5b
29549 Bad Bevensen

✉️ info@SENeV.de

  1. Hintergrund

Das SEN wurde 1980 von Christina Grof und Stanislav Grof, die beide auch das Holotrope Atmen begründeten, initiiert. Stanislav Grof ist ferner einer der Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie.

Ziel:

👉 Menschen mit transformatorischen Erfahrungen verbinden –
damit sie nicht allein gelassen oder vorschnell pathologisiert werden.

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