Wenn wir uns mit den Reaktionsweisen und Mustern beschäftigen, die unser Überleben in gefährlichen, vermeintlich gefährlichen oder stressreichen Situationen gewährleisten sollen, befinden wir uns dabei auf unterschiedlichen Ebenen: 1.) ANS/ Gesamtorganismus; 2.) Psychosoziales Umfeld; 3.) Art der Abspeicherung biographischer Erfahrungen (und die Verarbeitung derer); 4.) Wahrnehmung/ Neurozeption, Orientierung & Verhalten im Hier und Jetzt. Das autonome Nervensystem (ANS) erhält Informationen aus dem sozialen Umfeld, deutet diese aufgrund biographisch geprägter oder transgenerativ vorgeprägter Neurozeption und löst Bottop-Up entsprechende Impulse und Reaktionsweisen aus, die vor allem das Ziel verfolgen, unser Überleben mit möglichst wenig Energieaufwand zu sichern. Früher waren die Fachleute der Annahme, dass Autonome Nervensystem sei hauptsächlich für die Funktionalität der motorischen Nerven zuständig. Diese beeinflussen die Aktivität der inneren Organe, überwachen und steuern sie. Bei dieser einseitigen Betrachtungsweise ließ man jedwede sensorische Funktionen allerdings völlig außer acht, was zur Folge hatte, dass das alte Konzept vom Nervensystem die Reaktionsweisen in bedrohlichen Situationen von Säugetieren und Menschen nicht plausibel erklären konnte und im Grunde nur bis zur Evolutionsstufe der Reptilien als Modell funktionierte.  

Ohne das ventrovagale System gäbe es weder Frieden noch Liebe.

Prof. Dr. Stephen W. Porges

Professor für Psychiatrie/ Begründer der Polyvagaltheorie, Integrated Listening Systems (iLS)

Vom “alten” zum “neuen Modell” des menschlichen Nervensystems

Der Vagus-Nerven-Komplex ist wahrlich „in aller Munde“ – zumindest in therapeutischen Fachkreisen, wie bspw. dem Somatic Experiencing® (SE), der Cranio-Sacraltherapie oder der Osteopathie. Und es ist tatsächlich so, dass er auch einen wesentlichen Einfluss auf Mund, Gestik und Mimik hat. Denn der Vagus gehört, als zehnter Hirnnerv zu einem Bündel von Nerven, die für unser soziales Leben und Miteinander entscheidend sind – dazu zählen der 3., 5., 7., 10. und 11. Hirnnerv. Dieses Bündel an Hirnnerven aktiviert und deaktiviert, bzw. hemmt, sich gegenseitig. Was soviel bedeutet wie, dass wenn sich eine Person im Stress, bzw. in der (sympathischen) „Aktivierung“/ „Erregung“ befindet, stehen die mit diesen Nerven verbundenen Fähigkeiten und Möglichkeiten weniger zur Verfügung. Dies ist situativ sinnvoll, bspw. wenn es darum geht einer Gefahr aus dem Weg zu gehen/ zu „entkommen“ oder einen sportlichen Wettkampf zu gewinnen. Als hinderlich erweisen sich die damit verbundenen Mechanismen, wenn sie eine Kontinuität oder gar Permanenz entwickeln, auch in alltäglichen Situationen (bspw. erster Eindruck auf fremde Menschen/ zwischenmenschlicher Kontakt allgemein/ Beziehung/ Partnerschaft/ Nähe/ Sexualität/ gesunder Schlaf/ effektive Regeneration/ Aktivierung der Selbstheilungskräfte/ Arbeit mit Teams/ Präsentation vor Gruppen etc.), die ein völlig anderes Repertoire an Fähigkeiten erfordern würden, um diese adäquat und potenzialentfaltend zu meistern. 

Prof. Dr. Stephen W. Porges, dem man – aus Sicht vieler Therapeuten – eigentlich den Nobelpreis verleihen müsste, entdeckte einen dafür wesentlichen Mechanismus, welchen er 1994 in seiner „Polyvagaltheorie“ („poly“ = viele“) formulierte. Porges entdeckte, dass der Vagusnerv – bekannt auch als „wandernder oder umherschweifender Nerv“, da er so viele unterschiedliche Bereiche des Organismus eines Menschen/ Säugetieres innerviert – nicht, wie bis dato angenommen, aus nur einem Strang, sondern aus zwei Vagus-Ästen, einem ventralen (vorderseitig  verlaufenden) Vagus und einem dorsalen (rückseitig verlaufenden) Vagus, besteht. Ferner entdeckte er, dass ventraler und dorsaler Vagus gänzlich unterschiedliche Funktionsweisen und Aufgaben besitzen, was bis dato nur schwer erklärbare Phänomene (v.a. im Bereich von Angst, Panik, Psychosomatik/ chronischer Schmerz, Stress, Traumafolgen, Überwältigung etc.) sehr verständlich werden lässt. Dies begriff als einer der ersten im Bereich der Psyche vermutlich Dr. Peter A. Levine, zu dessen Ansatz des Somatic Experiencing® (SE) eine enge Beziehung mit Stephen Porges Polyvagaltheorie besteht – um nicht zu sagen, dass zweitere eine wesentliche Säule für das „SE“ bildet, was wiederum Auswirkungen auf nachfolgende Ansätze, wie bspw. dem TRE®, SOMA-Embodiment®, Tuning-Board, NARM oder eben der Vagus-Aktivierung nach Stanles Rosenberg hatte. Stephen W. Porges selbst entwickelte, besonders für die Arbeit mit Autismus, ADS und Traumafolgen die SSP-Klangbehandlung, welche auch bei uns zur Anwendung kommt und bereits an dieser Stelle beschrieben worden ist.   

Der Vagus-Nerv unterstützt die Steuerung sehr vieler Körperfunktionen, die für die Erhaltung der Homöostase erforderlich sind, also für den Gleichgewichtszustand eines offenen dynamischen Systems. 

Stanley Rosenberg

Rolfer/ Cranio-Sacral-Therapist/ Author "Accessing the Healing Potential of the Vagus Nerve"

Die Schock-Trance der Überwältigung

Vagusnerv-AktivierungSäugetiere benötigen im Gegensatz zu Reptilien oder „niederen“ Lebensformen andere Säugetiere um sich sicher und geborgen fühlen zu können. Daher besitzen bei Säugetieren soziale Verbindungen und damit verbundenen Interaktionen einen extrem hohen Stellenwert – der sich, so zeigten Primaten-Studien (im Gegensatz zur maslowschen Bedürfnishierarchie), sogar deutlich über dem Bedürfnis nach Wasser- und Nahrungsaufnahme bewegen kann. Was wiederum auch logisch ist, denn wenn Sicherheit nicht vorhanden ist, ist „Verdauung“ und somit Nahrungsaufnahme milde gesagt „schwierig“. Menschen geht es – als „Säugetieren mit mehr Gehirn“ – ein Dilemma auf: wenn eine Person entsprechend negative Erfahrungen im Laufe der eigenen Biographie hat durchleben müssen, so besitzt sie vermutlich ein entsprechend durch sogenanntes „Priming“ überaktiviertes autonomes Nervensystem, welches bereits beim kleinsten Anzeichen von Gefahr interveniert, um vermeintlich „das Überleben zu sichern“ – ergo: die Person reagiert mit „Kampf“, „Rückzug“ oder „Totstellen“/ „Trance“/ „Dissoziieren“ und vermeidet so einen förderlichen Kontakt zur Umwelt/ zum Hier und Jetzt/ zu den Mitmenschen. Leider können bereits kleinste Anzeichen einer sozialen Situation dazu beitragen, dass eine derartige Reaktion entsteht. Dazu genügt ein Geruch, Blick, ein Stirnrunzeln, eine bestimmte Kleidungsart, eine Farbe, ein Geschmack oder ein subtiles Gefühl in der Bauchgegend. Folglich handelt es sich dabei um eine Art Teufelskreis aus Reiz, unbewusster Interpretation und Reaktion – wir befinden uns hier nicht sonderlich weit entfernt von den pawlowschen Hunden und deren konditionierten Reflexen.

 

Zu Tode konditioniert… wenn das “Herz bricht”… 

Dr. Martin Seligman, ein Hauptvertreter der sogenannten „positiven Psychologie“, erkannte in seinen gruseligen Folterstudien mit Hunden, genau diesen Mechanismus. Doch er ging damit noch einen Schritt weiter als Iwan P. Pawlow, der eine ähnliche Entdeckung, während der Überflutung seines Leningrader Labors, als seine Versuchstiere um Haaresbreite beinahe durchweg in ihren Käfigen elendig ertrunken waren, machte, wie Seligman, welcher den Hunden absichtlich wiederholte Stromstöße ohne Fluchtmöglichkeit verabreichte, bis sie völlig kollabierten/ dekompensierten. Der damit verbundene Mechanismus des „Totstellens“ verläuft für Säugetiere – im Gegensatz zu Reptilien -, aufgrund des deutlichen größeren Herzens und dem damit verbundenen Blutflussbedarf, bei circa 20-25% tödlich. Gunther Schmidt und andere vermuteten 2007 bereits, dass der Herzinfarkt bei vielen Führungskräften und Top-Managern (zunehmend auch bei weiblichen Führungsrkäften) auf ähnliche Mechanismen zurückzuführen ist. Stanley Rosenberg spricht diesbezüglich auch von einer Folge eines „gebrochenen Herzens“ durch ungesundes Bonding und Anhaften, bzw. Abhängigsein, was im Falle einer finanziellen Abhängigkeit ebenfalls zutreffen würde und das grundsätzlich bei Schocks (wie bspw. Autounfällen, Stürzen oder Überfällen) eine Rolle spielen kann. Allerdings ist unklar, welcher Vagus das Herz innerviert und ob es nicht ggf. von beiden Strängen innerviert wird, was nach meinem Verständnis Sinn machen würde.

Ventrale Vagus-Aktivierung als neues Paradigma 

Ganz unabhängig von den zusätzlich erfolgenden, enormen Verhaltensveränderungen, die Pawlow bereits beschrieben hatte, ist hier, beim letztmöglichen „Ausweg“ durch den innersystemischen Kollaps, v.a. der besagte dorsale Vaguszweig aktiv. Das bedeutet, dass die alte Therapeuten-Formel, wie sie oftmals noch im Bereich der Entspannungspädagogik oder bei schlecht informierten Hypnosetherapeuten, Mentaltrainern und Hypnose-Coaches zum Einsatz kommt, „Sympathikus = schlecht“ und „Parasympathikus = gut“, nicht nur viel zu kurz greift, sondern auch zu gänzlich falschen Schlussfolgerungen und im schlechtesten Falle zu ungünstigen Interventionen und Handlungsanweisungen führen können. Stattdessen ermöglicht das neue Konzept unterschiedliche Möglichkeiten zur Testung der Aktivität des ventralen Vagus, als auch zur entsprechenden Aktivierung des selbigen, im Falle einer sympathisch-gestressten oder dorsal-resignierten Überaktivität, welche oftmals mit Energielosigkeit, Hoffnungs- oder Hilflosigkeit einher geht.    

Wir haben es hier in der Tat mit einem echten Paradigmenwechsel in Therapie, Coaching, Beratung und Pädagogik zu tun (!) – nicht nur mit einem marketingtechnisch von irgend einer amerikanischen Wundermethode angepriesenen. Seltsamerweise sind sowohl Porges Polyvagaltheorie, als auch die Kenntnisse um den Vagus allgemein, bis dato – außer in den Fachkreisen der Körpertherapeuten, Kinesiologen und SE-Fachleuten – relativ unbekannt geblieben. Eine Abhilfe schaffte mitunter diesbezüglich der in Dänemark lebende Rolfer und Cranio-Sacraltherapeut Stanley Rosenberg, der selbst auf über 50 Jahre Erfahrung in Körpertherapie zurückblicken kann, mit seinem in 12 Sprachen übersetzen Buch „Accessing the Healing Power of the Vagus Nerve“. Unsere Kunden können unterschiedliche Vorgehensweisen zur ventralen Vagus-Aktivierung “am eigenen Leib” im Rahmen unserer Intensivtage und Intensivwochen professionell erleben und anschließend für sich selbst zur täglichen Selbstregulation und Selbstermächtigung nutzen. Außerdem biete ich ein Vagus-Training, basierend auf unterschiedlichen Ansätzen, für Fachleute an, die Ihr methodisches Wissen und fachliches Hintergrundwissen erweitern möchten sowie für Privatpersonen, Geschäftsleute und Sportler die sich praktisch in die Vagus-Aktivierung vertiefen wollen. 

 

Hinweis

Diese Seite dient der reinen Information zum Thema “Vagus-Aktivierung”. Für eine kassenfinanzierte “Traumatherapie” wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten. Am freiraum-Institut bieten wir ausschließlich Persönlichkeitsentwicklung und Coaching zur Potenzialentfaltung an.  

Jörg Fuhrmann

Jörg Fuhrmann

Leiter freiraum-Institut/ Therapeut/ Supervisor

Körper-Gestalttherapeut (EAP)/ Transpersonaler Therapeut (EUROTAS)/ Accessing the Vagus-Nerve-Training

Literatur: 

Dana, Deb, 2018, Die Polyvagaltheorie in der Therapie – Den Rhythmus der Regulation nutzen, Probst

Grüber, Isa, 2017, Was der Körper zu sagen hat – Ganzheitlich gesund durch achtsames Spüren: Stress- und Traumabewältigung mit Somatic Experiencing (SE), Mankau

Habib, Navaz, 2019, Aktivieren Sie Ihren Vagusnerv – So stärken Sie Ihren Selbstheilungsnerv bei Darmproblemen, Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Ängsten, Depressionen und innerer Unruhe, VAK

Levine, Peter, A., 2010, Sprache ohne Worte – Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt, Kösel

Porges, Stephen, W./ Dana, Deb, 2019, Klinische Anwendung der Polyvagaltheorie – Ein neues Verständnis des Autonomen Nervensystems und seiner Anwendung in der therapeutischen Praxis, Probst

Porges, Stephen, W., 2017, Die Polyvagaltheorie und die Suche nach Sicherheit, Probst

Porges, Stephen, W., 2010, Die Polyvagaltheorie – Neurophysiologische Grundlagen der Therapie, Junfermann

Rosenberg, Stanley, 2018, Der Selbstheilungsnerv – So bringt der Vagus-Nerv Psyche und Körper ins Gleichgewicht, VAK

Schnack, Gerd, 2012, Der Große Ruhe-Nerv – Sofort-Hilfe gegen Stress und Burnout, Herder

Van der Kolk, Bessel, 2015, Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, Probst

© freiraum-Institut (FRI) (Konzept von Jörg Fuhrmann) – Teilen ausdrücklich erwünscht.

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