Ich erinnere mich noch gut an den Anfang.
Als ich mich für die Hypnoseausbildung bei Jörg Fuhrmann anmeldete, war ich neugierig, aber auch skeptisch.
Ich dachte, Hypnose diene vor allem dazu, Symptome zu überdecken – ein Werkzeug, um Ängste, Schmerzen oder Übergewicht „wegzumachen“, eher nicht, um der Ursache wirklich auf die Spur zu kommen.
Diese Vorstellung erschien mir zu technisch, zu oberflächlich, um dem gerecht zu werden, was in Menschen wirklich in der Tiefe vorgeht.
Doch im Verlauf der Ausbildung, eigentlich schon in den ersten Stunden, zeigte sich ein ganz anderes Bild.
Erste Erfahrungen
Von Beginn an wurde deutlich, dass es hier nicht um (autoritäre) Suggestion geht, sondern um Kontakt.
Nicht darum, dem Menschen etwas einzupflanzen, sondern ihm zu ermöglichen, sich selbst zu begegnen.
Nicht darum, dass der Hypnotherapeut „mächtig“ über dem Klienten steht, sondern mit ihm auf Augenhöhe.
Hypnose erwies sich als eine Form konzentrierter Aufmerksamkeit, in der innere Bilder, Empfindungen und Erinnerungen deutlicher werden – während der kritische, beurteilende Verstand, die Ratio, auf ein Minimum heruntergefahren ist.
In meiner ersten eigenen Sitzung erlebte ich eine tiefe körperliche Ruhe bei gleichzeitig klarer Wahrnehmung.
Ich war nicht „weg“, sondern zugleich entspannt und aufmerksam – als wäre das Denken still, während das Bewusstsein wacher ist als sonst.
„Trance ist nicht Schlaf, sondern ein Zustand erhöhter Lernfähigkeit, in dem das Bewusstsein sich erweitert.“
— Milton H. Erickson
Diese Erfahrung veränderte meine Vorstellung vollständig:
Trance bedeutet nicht Kontrollverlust, sondern ein bewussterer Zugang zur eigenen Erfahrung.
Der innere Bezugsort
In der Arbeit entstanden innere Räume – Orte, die Sicherheit vermittelten und von denen aus sich Erinnerungen, Bilder oder Szenen zeigen konnten.
Ich konnte wählen, welchen Bereichen meiner Lebensgeschichte ich mich zuwenden wollte.
Dabei wurde mir klar, dass der Therapeut nicht führt, sondern einen verlässlichen Rahmen schafft – aufmerksam, ruhig, mit der Haltung, dass das Wesentliche aus der Person selbst hervorgeht.
„Jeder Mensch trägt in sich die Lösung für seine Probleme.
Die Aufgabe des Therapeuten ist es, Bedingungen zu schaffen,
unter denen der Klient sie selbst finden kann.“
— Milton H. Erickson
Parallelen zur Atemarbeit
Ich erkannte bald, wie sehr diese Arbeit der hypnagogen Atemmethode ähnelt, die ich zuvor in wochenlanger Selbsterfahrung am Freiraum-Institut gelernt hatte.
Dort geschieht der Prozess ohne Worte – getragen von Atemrhythmus, Musik und aufmerksamer Begleitung.
Der Therapeut bleibt präsent, greift aber nur ein, wenn körperliche oder emotionale Unterstützung nötig ist.
In beiden Ansätzen öffnet sich ein Zustand, in dem das Unbewusste von selbst in Bewegung kommt und sich ordnet, sobald es gesehen und verstanden wird.
Gespräch, Körper, Symbol
Im hypnotherapeutischen Dialog fand ich dieselben Haltungen, die auch Carl R. Rogers (Klientenzentrierte Gesprächsführung) und Peter A. Levine (Somatic Experiencing) betonen:
Empathie, Authentizität, Wertschätzung und das genaue Hinspüren zu dem, was sich im Inneren zeigt.
Die Arbeit bewegt sich zwischen Sprache, Wahrnehmung und symbolischem Erleben.
Sie ist kein „Reden über“, sondern ein „Erleben mit Bewusstheit“.
Diese Kombination aus psychologischer Gesprächsführung und körperlicher Selbstwahrnehmung wirkt tief und zugleich geordnet – ein Prozess, der das System nicht überfordert, sondern zu neuer Kohärenz führt.
Begegnung mit Jung
In dieser Zeit begann ich, C. G. Jung neu zu lesen und suchte gezielt nach seinen Texten über Hypnose.
Ich erkannte, dass seine spätere Distanz zur Hypnose weniger eine Ablehnung war,
sondern der Wunsch, dem Menschen die Selbstständigkeit seines inneren Erlebens zu erhalten.
Seine Methode der aktiven Imagination entspricht im Kern einer dialogischen Hypnose:
ein bewusster Austausch mit inneren Bildern, ohne sie zu steuern.
„Man heilt nicht durch Belehrung, sondern durch Begegnung.
Nur das, was das Herz berührt, verwandelt die Seele.“
— C. G. Jung„Das, was das Unbewusste uns zu sagen hat, erscheint immer als Bild.
Wenn wir uns diesem Bild hingeben, spricht es.“
— C. G. Jung, Das Rote Buch
In diesem Sinn verstehe ich Hypnose heute als moderne Fortsetzung von Jungs Intention:
nicht Manipulation, sondern bewusste Beziehung zwischen Ich und Unbewusstem.
Vom Symptom zur Bedeutung
Ein Wendepunkt in meiner Sichtweise war das Verständnis,
dass Hypnose nicht primär Symptome beseitigt,
sondern deren Funktion erkennbar macht.
Jedes Symptom erfüllt einen Sinn – es schützt, kompensiert oder erinnert an etwas, das gesehen werden will.
„Das Unbewusste will nicht vernichtet, sondern verstanden werden.
Erst dann hört es auf, Symptome zu schaffen.“
— C. G. Jung
Dieses Verständnis wandelt Therapie in Sinnarbeit:
Nicht „Wie werde ich das los?“, sondern „Was will sich hier zeigen?“
oder: „Was will mein Körper oder mein Unbewusstes damit sagen?“
Hinter den Phänomenen – im Kontext des Zen
In der Auseinandersetzung mit der Hypnose und dem Versuch, sie in meine Übungspraxis des Zen einzuordnen, wurde mir klar,
dass auch die tiefsten inneren Prozesse – Trance, Atem, Imagination –
Phänomene sind, die in Beziehung zu meiner bekannten Welt stehen, zu dem, was ich „Ich“ nenne, zu meiner Erfahrung in Raum und Zeit.
Zen dagegen verweist auf etwas, das jenseits davon liegt.
Und doch bin ich überzeugt, dass es möglich ist, sowohl in der Hypnose als auch – vielleicht noch deutlicher – im hypnagogen Atmen, einen Hauch dieser formlosen Transzendenz zu berühren.
Insofern steht das alles gut nebeneinander für mich:
Hypnose, Atemarbeit und Zen –
jede Methode hat ihren Platz und ihre Möglichkeiten,
entweder zu mehr Klarheit in Raum und Zeit oder im Kontakt mit dem Formlosen.
„Wer ist es, der hört diesen Klang?“
— Bassui Tokushō
Diese Frage wirkt in mir fort.
Sie richtet den Blick nicht auf das, was geschieht,
sondern auf das Bewusstsein, das all dies erlebt.
Das ist für mich der eigentliche Kern jeder therapeutischen Arbeit im initiatischen Sinn:
die Rückkehr zur Wahrnehmung dessen, was wahrnimmt –
zur Essenz der Dinge und Formen.
Auch meine anfängliche Befürchtung, dass sich Hypnose und Zen-Praxis widersprechen könnten, hat sich aufgelöst.
Über Jörg Fuhrmann
Jörg Fuhrmann ist eine außergewöhnliche Lehrerpersönlichkeit – gerade weil er sich nicht in ein festes Konzept pressen lässt.
Er verbindet tiefes Wissen mit einer spürbaren Leidenschaft für Erfahrung.
Sein Stil ist nicht immer linear oder methodisch glatt; manchmal wirkt er sogar ein wenig chaotisch –
aber auf eine Weise, die das Lebendige zulässt.
Er arbeitet aus der Situation heraus, mit feinem Gespür für das, was der Moment braucht.
Man spürt, dass er über viele Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt hat – theoretisch fundiert, aber vor allem praktisch durchdrungen.
In seinen Einleitungen in die Hypnose wird seine Kompetenz deutlich:
Da ist Ruhe, Sicherheit, Vertrauen in den Prozess.
Sehr eindrücklich war seine erste Hypnose-Demonstration mit einer Mitschülerin gleich zu Beginn,
als während der Sitzung unerwartet starke Emotionen auftauchten – eine alte Kindheitswunde, wie sie in Hypnose vorkommen kann.
Er blieb völlig souverän, sicher und feinfühlig,
führte sie mit großer Achtsamkeit durch diesen Prozess.
Ich bin froh, dass das gleich am Anfang geschehen ist,
denn seither begleitet mich eines: Demut.
Der Therapeut sollte immer demütig bleiben vor diesen innersten Prozessen,
demütig vor dem „großen Ganzen“ und dem Geheimnis,
das all diese Methoden wie ein roter Faden durchzieht.
Und zugleich bleibt Jörg Fuhrmann bodenständig, authentisch, menschlich normal –
im besten Sinne nicht „der Norm entsprechend“.
Seine Hunde, die oft mit dabei sind, gehören selbstverständlich dazu
und verstärken diesen Eindruck von Natürlichkeit.
Man fühlt sich bei ihm nie als Schüler einer Methode,
sondern als Mensch in Entwicklung.
Was bleibt, ist nicht ein Konzept, sondern Erfahrung:
Jeder geht mit etwas Eigenem nach Hause, mit einer Erkenntnis über sich selbst.
Und das ist – in einer Zeit, in der vieles laut, schnell und oberflächlich geworden ist –
wohl eines der wertvollsten Geschenke, die man einem Menschen machen kann.
Fazit und Ausblick
Ich bin mit Skepsis gekommen – und mit Respekt gegangen.
Ich habe gelernt, dass Hypnose keine Manipulation ist,
sondern eine Form der konzentrierten Selbstwahrnehmung im Dialog.
Sie ermöglicht es, Symptome zu verstehen, innere Bilder zu integrieren
und den Menschen wieder in Kontakt mit seiner eigenen Regulierung zu bringen.
In der Tiefe ist Hypnose für mich eine Brücke zwischen Jung, Rogers, Levine, Bassui und Erickson:
Sie verbindet psychologische Klarheit, menschliche Wärme, körperliche Präsenz
und das Bewusstsein für etwas, das größer ist als das Ich.
„Frei sein heißt, tun, was mich will.“
— Wolf Büntig
Ich gehe diesen Weg weiter,
nicht um etwas Besonderes zu erreichen,
sondern um immer genauer zu verstehen,
wer in mir wahrnimmt, wenn es still wird –
und um Menschen zu begleiten in Raum und Zeit,
und manchmal vielleicht auch darüber hinaus.
Persönliche Lernpunkte
Autor: Martin Bassier (www.tiefenerdung.ch)