Von Martin Bassier
In der Auseinandersetzung mit C. G. Jung, Hans Trüb, Karlfried Graf Dürckheim bis zu Jörg Fuhrmann´s transpersonalem Ansatz geht es aus meiner Sicht weniger um theoretische Gegensätze als um unterschiedliche Akzentsetzungen innerhalb einer gemeinsamen Tiefendimension des Menschseins. Was auf den ersten Blick wie ein Bruch erscheint – etwa Trübs Abwendung von Jung – lässt sich bei genauerem Hinsehen als Entwicklungsfrage verstehen: Wann ist was heilsam – und für wen?
C. G. Jung hat die Psychotherapie radikal geöffnet für das Unbewusste, für Symbol, Mythos und Transzendenz. Seine Idee der Individuation zielt auf eine Erweiterung des Ichs hin zum Selbst – eine Ganzheit, in der Gegensätze integriert werden. Spirituelle Erfahrungen erscheinen bei Jung vor allem als innere Zustände, vermittelt über archetypische Bilder.
Das ist eine enorme Leistung. Gleichzeitig liegt hier eine Gefahr:
Wenn Transzendenz primär als innerpsychischer Zustand verstanden wird, kann Beziehung – das reale Gegenüber – zu schnell funktionalisiert werden: als Übertragung, Projektion oder Spiegel innerer Prozesse.
Jung hebt das Du nicht auf, aber er übersetzt es konsequent ins Innere.
Hans Trüb setzt genau hier an – und verschiebt den Fokus radikal. Unter dem Einfluss Martin Bubers erkennt er:
Der Mensch wird nicht zuerst ein Selbst, um dann in Beziehung zu treten.
Er wird erst durch Beziehung zum Selbst.
Für Trüb ist das Du keine psychologische Funktion, sondern eine existenzielle Wirklichkeit. Wahrheit ereignet sich nicht nur im Inneren, sondern im Zwischenraum der Begegnung. Gerade Themen wie Schuld, Scham, Trauer und Verantwortung lassen sich nicht archetypisch „auflösen“, ohne den Menschen allein zu lassen.
Deshalb Trübs zentrale Warnung:
„Die Auflösung des Du wird gefährlich, wenn sie zu früh oder absolut gesetzt wird.“
Das ist keine metaphysische Kritik an formloser Erfahrung, sondern eine entwicklungs- und traumalogische.
Man kann einem traumatisierten Menschen nichts von einem formlosen Gott erzählen – geschweige denn ihn in entsprechende Erfahrungen führen wollen. Für Menschen mit früher Bindungsverletzung bedeutet Formlosigkeit oft Haltverlust, nicht Befreiung.
Hier trifft sich Trüb mit Einsichten, die heute in der Traumatherapie selbstverständlich sind – und die in der spirituellen Tradition längst formuliert wurden, etwa bei Swami Vivekananda:
„Erst müsst ihr stark werden, in der Welt stehen, euren Charakter bilden – dann kommt Gott.“
Ein schwaches Ich kann sich nicht hingeben.
Man kann das Ich nicht überschreiten, bevor man es ausgebildet hat.
Karlfried Graf Dürckheim nimmt in diesem Feld eine integrierende Position ein. Sein Begriff vom „doppelten Ursprung“ beschreibt genau diese Spannung:
Dürckheim hat beides gelebt.
Im Bogenschießen nicht als Technik der Ich-Auflösung, sondern als Schule der Haltung, Sammlung und Präsenz.
Im Christentum – besonders im Johannesevangelium – als Beziehung, Hingabe, Du.
Form geht der Formlosigkeit voraus.
Haltung geht dem Loslassen voraus.
So gelesen stehen Jung, Trüb und Dürckheim nicht im Widerspruch, sondern markieren unterschiedliche Schwerpunkte eines Weges:
Die entscheidende Frage ist nicht: Was ist wahr?
Sondern: Was ist wann heilsam?
Das hypnagoge Atmen nach Jörg Fuhrmann lässt sich in diesem Koordinatensystem sehr präzise einordnen.
Als Schüler von Stanislav Grof steht Fuhrmann in der Tradition ateminduzierter Bewusstseinsveränderung. Gleichzeitig unterscheidet sich die hypnagoge Atmung wesentlich vom klassischen holotropen Atmen:
Dieser Raum ist weder waches Ich-Bewusstsein noch völlige Auflösung.
Er ist ein Zwischenzustand.
Damit steht die hypnagoge Atmung genau an der Nahtstelle, die Trüb, Dürckheim und auch moderne Traumatherapie markieren:
In dieser Form ist sie kein spirituelles Abkürzungsinstrument, sondern ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – Ich-Stärkung, Begegnung und Öffnung miteinander verbinden kann.
Man könnte sagen:
Sie ist jungianisch offen für Tiefe,
trübisch verantwortungsvoll im Du,
und dürckheimisch verankert in Haltung.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Transzendenz, sondern in der Entwicklungsblindheit.
Und die eigentliche Heilung liegt nicht im Zustand, sondern im richtigen Zeitpunkt.
Man kann das Du überschreiten.
Aber erst, wenn man ihm wirklich begegnet ist