Zu keiner Zeit in der Geschichte der Menschheit hat es vermutlich eine derartige, durchweg auf 21,5° temperierte, Wellness- und Wohlstandskultur im Sinne der Suche nach mentalen, emotionalem, körperlichen und materiellen Komfort gegeben. Grundsätzlich ist daran auch erst einmal nichts auszusetzen, außer vermutlich der Tatsache, dass dieser “Komfort” immer einen Preis fordert. Ökologisch orientierte Geister würden vermutlich als Erstes die schwindenden Ressourcen des Planeten und ihren Wunschgedanken nach Egalität aller Menschen sehen, was auch nachvollziehbar ist. Was mir allerdings sogleich auf meinen Reisen durch sogenannte Schwellenländer oder Dritte-Welt-Länder aufgefallen ist, ist der Fakt, dass die dortigen Menschen sich oftmals nach nichts mehr sehnen, als danach unseren – durchaus als ungesund zu bezeichnenden – Lebensstil zu adaptieren. Dies erfolgt ja auch oftmals bereits und geht parallel mit einem völligen Mangel an Umweltbewusstsein einher. Der Artikel ist jetzt nicht dazu gedacht die großen weltökonomischen Themen zu besprechen, sondern möchte schlichtweg auf den Aspekt der Selbstentfremdung des Menschen hinweisen, sobald er den Zugriff auf die Technologie besitzt. Diese dient i.d.R. durchweg dazu eine gewisse Komfortzone einzurichten, die auf kurz oder lang – vermutlich spätestens in 1-2 Generationen – dazu führt, dass selbst eine einstmals noch so naturverbundene Kultur sich in größerem Maße von der Natur entfernt hat. Die Resultate dabei scheinen durchweg ähnlich: Vermüllung (selbst der heiligsten Stätten) sowie v.a. die Zunahme von Übergewicht, modernen Zivilisationskrankheiten und psychischen Erkrankungen.  

Das natürlichste und einfachste Abhärtungsmittel bleibt das Barfußgehen (…) Das Wasser hat große Wirkungen, gewiss, es leistet mitunter Unglaubliches, aber wenn der Mensch nicht will, dann ist alles aus, gegen Dummheit kämpfen Götter und Wasserströme vergebens.

Sebastian Kneipp

Pfarrer

Das endlos ehrliche Feedback Deines Körpers

Die damit einhergehende Verweichlichung und Entfremdung von Mutter Natur lässt sich auch bei uns an nahezu jedem Menschen in Haltung, Erdung, Aufrichtung, Verbundenheit, Konstitution und Resilienz ablesen. Doch diese Ignoranz gegen unsere Umwelt und letztlich organismische Urnatur in uns selbst bleibt auch dem kühnsten Verdrängungsexperten nicht dauerhaft verborgen, so wusste bereits der gute alte Goethe zu berichten, dass die Natur im ehrlich und dabei immer grausam in ihrer Ehrlichkeit sei – er sprach somit letztlich das an, was in unserer modernen Kultur angeblich ja so hoch geschätzt sei: die “Feedbackschleife“. Vermutlich liegt hier mit ein Grund dafür, dass die Möglichkeiten des öffentlichen Feedbacks zunehmend mehr eingeschränkt und beschnitten werden. Denn Rückmeldungen die weh tun und unangenehm anzuschauen oder zu thematisieren sind, möchte bekanntlich niemand so gerne thematisieren. Doch wenn wenn wir in unserem Innersten – also unserer Psyche – oder auch in unserem körpereigenen Zuhause diese Echos des Lebens längerfristig wegdrängen, dann zahlen wir dafür in der Regel einen hohen Preis. So habe ich es zumindest vielfach in den letzten 20 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit im Umgang mit Menschen – vielfach bei sehr erfolgreichen – in Krisen und Übergangsprozessen mit ansehen müssen oder “dürfen”. Oftmals handelt es sich dabei um schlichte Aufrufe zur (inneren) Umkehr (“Metanoia”). 

Raus aus der Komfortzone & zurück zum Natürlichen

Diese Umkehr kann sich freilich auf viele Ebenen beziehen, was die persönlichen, interpersonellen und weltlichen Themen angeht, ich möchte mich jedoch auf den Bereich des Körperlich-Psychischen beschränken und der Frage meiner einstigen Diplomarbeit nachgehen, in wie weit wir wesentliche rituelle Strukturen und Möglichkeiten für Grenzerfahrungen benötigen bzw. verloren haben und diese in Folge eines möglichen Verlusts in traurigen Versatzstücken suchen, bzw. zu finden gedenken. Wenn mir auf meinen Pilgerwegen in der hochsommerlichen Hitze durch die spanischen Mesetas oder im Monsun durch die Berge Nepals sowie in den regnerischen Nächten auf dem Urwaldboden des Amazonas eines bewusst geworden ist, dann, dass wir so unglaublich bequem und satt geworden sind, dass wir es anscheinend nicht einmal mehr mitbekommen. Dabei denke ich auch an Schopenhauer, der da sagte, dass es keinen Grund geben könne, die eigene Gesundheit zu schädigen oder an C. G. Jung, dass noch so Manchem ein ordentliches Leid viel Therapie erspart habe. Nun meinen Sie, werte LeserInnen vielleicht denken, dass dies ein Widerspruch sei, doch genau darum geht es hierbei. Meine These lautete schon 2003, während meiner Vorbereitungszeit auf die 1.100 Km Wanderung, dass wir diese Verstörung unserer Komfortzone mit den damit einhergehenden, willentlichen Reflexhemmungen brauchen, um gesund bleiben zu können und zwar körperlich, wie geistig, psychisch und auch transpersonal

Kochendes “Wasserbad” der Weg zur Eiswanne

Nun wird der Ein oder Andere mitunter sagen, dass er diese Überschreitung bereits alltäglich auf dem Wege zur Arbeit oder mit den eigenen Kindern erlebt. Das könnte auch durchaus in diesem Sinne gelten, jedoch hat es meist eine andere, eher unbewusste, Qualität. Wovon ich hier spreche, ist eine absolut bewusste Entscheidung zur Selbstkonfrontation mit eben dieser Komfortzone. Lange habe ich in unterschiedlichen Bereichen nach Möglichkeiten und Wegen gesucht, dies möglichst geerdet, möglichst ungefährlich, möglichst praktikabel und kosteneffizient sowie und am Besten noch sinnvoll tun zu können. So kam es, dass ich vor gut einem Jahr abermals auf die gezielte Kälte-Exposition gestoßen bin, wie sie bspw. in den östlichen oder nördlichen Regionen Europas seit Alters her praktiziert wird und wie sie auch der Pfarrer Sebastian Kneipp mit seiner “Wasserkur” auf gewisse Weise propagiert hat. Seit meinem Studium ab 2000 habe ich daher mehr sporadisch dem kalten Duschen, bzw. dem Wechselduschen, gehuldigt, was ja in der Regel mit einer vorherigen Aufheizung des Körpers, sei es durch heißes Duschen oder Sauna einhergeht. Durch die rituellen Erfahrungen in Nepal, mit einem Feuerschamanen und traditionellen Trance-Ritualen im Feuer sowie mit kochendem Wasser, mit welchem man mich überschüttet hat, war ich jedoch bereits für die extremen Anpassungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers sensibilisiert. Nachdem ich mehrfach mit der tibetischen Tum-Mo-Meditationspraxis und dem “Iceman” Wim Hof in Kontakt gekommen war, entschloss ich mich dazu, den Weg der gezielten Kälte-Exposition zu beschreiten, womit ich bereits 2017 begonnen habe und was ich seit 2018 täglich verfolgt habe.    

Von der Kälte können Sie nichts lernen. Sie können nur lernen, sich etwas abzugewöhnen.

Wim Hof

"The Iceman", Wim-Hof-Method

Kälte als Selbstkonfrontation & “innerer Heiler”

Die positiven Effekte auf den menschlichen Organismus, insbesondere auf entzündliche Prozesse, die an fast allen Erkrankungen beteiligt sind, sind mannigfach bekannt und werden heute in unterschiedlichen medizinischen Bereichen (wie bspw. der Ganzkörperkältetherapie bei -110° oder der Schneesauna) zu Heilungs- und Wellness-Zwecken gezielt genutzt. Die Tibeter benutzen jedoch in Ihrer Tum-Mo-Praxis – die auch “Inner Fire” (“Inneres Feuer”) genannt wird – den Atem als Vorbereitung auf die angestrebte Kälte-Exposition, was mir persönlich freilich sehr entgegen kam/ kommt. Dabei spielt das Atemanhalten – also die Atem-Retention, welche bspw. im Yoga-System des Pranayama auch “Kumbhaka” genannt wird – eine wesentliche Rolle. Hier finden wir auch wieder eine Brücke zu Pfarrer Kneipp, der auch schon eine entsprechend gesunde und reduzierte Kost empfahl, denn übermäßiges Essen führt bekanntlich auch zu vermehrter Atmung, also dem hier angestrebten Gegenteil. Wie wir aus der Therapie wissen, geht es beim Thema “Essen” auch sehr schnell an die “Substanz”, v.a. wenn hier Veränderungen und Reduzierungen durchgeführt werden wollen o. sollen. Die dabei auftretenden Synergie-Effekte potenzieren also nicht nur den Schaden, sondern auch den Erfolg, so wusste bereits der antike Urheiler Asklepios zu berichten. Weitere Vertreter dieser Ansichten und Pioniere der Wasserheilkunde waren im 17.-18. Jh. Dr. med. Johann Siegmund Hahn und seine Söhne sowie Vinzenz Prießnitz, der 1823 eine Kaltwasser-Heilanstalt begründete, in der u.a. auf körperliche Abhärtung abgezielt wurde.  

“Aus Erfahrung können wir mit Sicherheit sagen, dass keine körperliche Praxis auch nur ein Hundertstel der Wirksamkeit von Pranayama hat.”
(Swami Kuvalyananda)

Kältetherapie bei Trauma, PTBS & Angst? 

Wim Hof hat diese Prinzipien für sich ebenfalls genutzt und mit den asiatischen Techniken verbunden. In Folge seiner zahlreichen Rekorde im Guinnes-Buch sind verschiedene Universitäten auf seine Fähigkeiten aufmerksam geworden und haben mit diversen Studien begonnen. Die bereits von unterschiedlichen Universitäten belegten Effekte im Bereich potenzieller, körperliche, Gesundheitsverbesserung sind enorm. Am bemerkenswertesten ist jedoch, dass diese Effekte nicht nur bei Wim Hof selbst, sondern bei sämtlichen Menschen nachzuweisen sind, die sich mit dem Thema der gezielten Kälte-Exposition befassen. Was bis dato noch unerforscht ist, sind mögliche positive Auswirkungen auf die Psyche und den Geist sowie das Nervensystem, was bspw. im Falle von traumatischen Erfahrungen überaus interessant und vielversprechend scheint, wenn man die Erfolge der körperlichen Resilienz auf diese Ebenen auch nur ansatzweise übertragen könnte – erste Einzelberichte deuten auf sehr positive Auswirkungen im Bereich der Selbststeuerung bei Trauma, PTBS und Ängsten hin. Und auch Sebastian Kneipp beschrieb bereits zahlreiche positive Auswirkungen von Kaltwasserbehandlungen auf das Gemüt und war der Ansicht, dass auch Niedergeschlagenheit und Verzweiflung damit wirkungsvoll behandelt werden können. Ferner konstatiert der mehrfache Apnoe-Weltrekordhalter Dr. Stig Åvall Severinsen ebenfalls, dass er mit seiner ähnlichen Methode der Atemreduzierung ebenfalls außerordentliche Ergebnisse bei PTBS-Traumatisierten erreichen konnte. Von daher ist eine weitere Forschung und Praxis in diesem Bereich in der Tat überaus vielversprechend und wünschenswert.

“Nur wegen des Todes meiner Frau unterrichte ich heute andere. Ich kann Menschen Gelassenheit vermitteln (…) Persönlichkeitsstörungen entziehen den Menschen Energie. Meine Methode kann ihnen die Kontrolle zurückgeben.

(Wim Hof)

Kontraindikation & Warnhinweise

Freilich gibt es – wie bei jeder Methode – auch Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen, denn Kälte-Exposition (v.a. in der hier in den Videos vorgestellten Form) wird generell nicht empfohlen bei Menschen, die Probleme/ Erkrankungen im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems haben, bereits einen Schlaganfall o. Herzinfarkt erlitten haben, an Diabetes oder Atherosklerose sowie an Epilepsie oder Anfällen jedweder Art leiden. Zur Sicherheit empfehle ich jedem, der sich für das Thema interessiert, eine medizinische Abklärung durch den Hausarzt vorzunehmen und v.a. immer auf die eigene innere Stimme des Körpers zu hören, denn Unterkühlung (Hypothermie – T69) kann sehr gefährlich sein. Die Unterkühlung, bei Menschen auf unter 35 Grad Celsius, kann Gesundheitsschäden oder durch Versagen lebenswichtiger Organsysteme den Tod herbeiführen. Bei nur lokalen Kälteeinwirkungen kann es zu Erfrierungen kommen. Ferner sollte man absolute Vorsicht walten lassen bei Wiederaufwärmmaßnahmen nach längeren Kälte-Expositionen. Kontraindikationen für Pranayma-Atemtechniken sind bspw. Magengeschwüre, entzündliche Prozesse im Bauchraum, zu hoher und zu niedriger Blutdruck, Herzkrankheiten, ernsthafte Kreislaufprobleme, erhöhter Druck im Kopf, Grüner Star, Schlaganfall, Epilepsie, Schwindel, Anfallsleiden. Daher empfehle ich die hier vorgestellten Vorgehensweisen nicht allein, bei möglichen gesundheitlichen Kontraindikationen nicht ohne medizinische Vorabklärung und nicht ohne eine fachliche Anleitung durchzuführen. Mit am Wichtigsten scheint mir jedoch bei etwaigen Selbstversuchen immer auch auf die eigene innere Stimme des Körpers zu hören und dem gesunden Menschenverstand zu folgen. 

Jörg Fuhrmann

Jörg Fuhrmann

Leiter freiraum-Institut/ Therapeut/ Supervisor

Körper-Gestalttherapeut (EAP)/ Transpersonaler Therapeut (EUROTAS)/ Wim-Hof-Advanced-Training

Literatur: 

Carney, Scott, 2017, Extrem gesund – die Wim-Hof-Methode im Härtetest, Books4Success

Hof, Wim/ De Jong, Koen, 2018, Die Kraft der Kälte, riva

Kneipp, Sebastian, 2010, Meine Wasserkur, Trias

McKeown, 2018, Erfolgsfaktor Sauerstoff, riva

Mitzinger, Dietmar, 2018, Der Pranayama-Effekt in der Trauma-Arbeit, Junfermann

Papenfuß, Winfried, 2005, Die Kraft aus der Kälte – Eine physikalische Kurzzeittherapie mit Langzeitwirkung, Edition k

Severinsen, Stig, Åvall, 2010, Die geheime Kraft der Atmung, breatheology

Simon, Ralf, 2017, Wärme Kälte Bäder – Was können sie bewirken?, Shaker

Thuile, Christian, 2014, Schneesauna – Die Wellness-Revolution, Kneipp

Waerland, Are, 1953, Die neue Kälte-Therapie und ihre erstaunlichen Erfolge, Waerland

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